Robin tom Rink

„The Small Hours“

Robin tom Rink erzählt Geschichten von der Dunkelheit, vom Meer, vom Abgrund. Doch diese Musik erfüllt keinen Weltschmerz-Selbstzweck, viel mehr öffnet sie schaurig schöne Räume zum langen Verweilen. Das Ergebnis ist eins der intensivsten Alben des Jahres - geprägt von einer außergewöhnlichen Stimme.

Entspannung ist ein Markt, Erholung ist eine Ware. Die Suche danach führt zu Wellness-Hotels, einem neuen Happy-Yoga-Kurs von Fitness First und vor allem im Kreis herum. Denn es ist schon vornherein klar, diese ökonomisierte Version von Ruhe steht für nichts anderes als Stress. „Bitte hinterlassen Sie eine positive Kundenbewertung“? Ach, ohne mich, Industrie! Diese künstlichen Refugien, die Einkehr oder gar Einsamkeit verkaufen wollen, sind doch komplett überfüllt – und letztlich auch bloß durchsetzt vom allgegenwärtigen Selbstoptimierungsterror.

Aber Einsamkeit ist kein Regalfach sondern eine scharfe Waffe. Eine, die sich auch mal gegen dich selbst richtet.

Robin tom Rinks „The Small Hours“ können Lieder davon singen. Für die Musik des Kölners muss man sich keine Zeit nehmen - im Gegenteil -, sie bringt dem Hörer welche mit. „Von den small hours habe ich das erste Mal bei James Joyce gelesen. Es handelt sich dabei um die frühen Morgenstunden. Wenn alle schön schlafen und die Klappe halten, wenn es dunkel ist und still und friedlich“, erzählt Robin selbst.

So vermögen die Stücke dann auch selbst Raum und Zeit aufzulösen. Verletzliches wie Verzweifeltes dringt dabei tief zu einem durch. Willkommen in der Zwischenwelt. Ein Refugium geschaffen von dem Singer-Songwriter erstmal für sich selbst, das in seiner melancholischen Klarheit etwas Wahrhaftes besitzt, dem man als Besucher manchmal kaum standhalten kann. Robin tom Rink schont sich selbst nicht, hat es nie getan, das transportieren auch schon seine Platten zuvor. Diesmal allerdings ist die Finsternis mitunter so tief und schwarz, dass er selbst kleine Nebelkerzen zündet. Immer wieder glimmt so auch Hoffnung auf in Moll.

Wie wichtig dieses zarte Leuchten ist, findet sich auch in der Story hinter dem Album wieder. Robin tom Rink schrieb den Song „Le Feu Follet“ in seinem weltlichen Lieblings-Refugium: In seiner Herzstadt Paris. Genauer gesagt im Le Carillon, einem Ort, an dem er seit Jahren ein- und ausgeht, in dessen Lobby er schon oft selbst Musik aufgeführt hat. Ein Ort, der zum Schauplatz eines der Attentate des 13. Novembers wurde. Eine düstere Platte, die sich nach Einsamkeit sehnt, bekommt mit dieser Information noch mal einen ganz anderen Twist. Aber Musik, die dort entstand, wo Menschen starben, verdient eben diesen einen Funken Hoffnung. Dem Untergang zum Trotze. There’s a light that never goes out, Arschlöcher.

Bei Robin klingt das so: „Den Glauben an die Menschheit habe ich verloren aber nicht den ans Individuum.“ Auch so ein abgründiger Satz, der dennoch nicht bereit ist, die Dunkelheit siegen zu lassen.

Robin tom Rink hat seine Art, elegische wie eingängige Musik zu erschaffen, mit „The Small Hours“ zu einer neuen Meisterschaft gebracht. Keine Übertreibung, eine Feststellung.

Bei der Ausgestaltung von all diesem findet sich überdies ein großer Traum verwirklicht. Robin wollte unbedingt einmal ein Album mit Ekki Maas aufnehmen. Der Ausnahmemusiker und Gründungsmitglied der Band Erdmöbel betreibt ein Studio in Köln – und über eine Freundin hat sich Robin dort Zutritt verschafft. Einvernehmlich, versteht sich. Ekki und er klickten dabei so sehr, dass jener letztlich weit mehr als bloß Produzent der Platte wurde, viel mehr spielte er auch etliche Gitarren, Bass, Percussions, die Posaune ein – und begeisterte gleich auch seinen Erdmöbel-Schlagzeuger Christian Wübben, der die Drum-Parts übernahm. Ebenfalls zu Gast auf dieser Platte ist mit Peter Protschka einer der renommiertesten Jazztrompeter der Jetztzeit.

Die zurückgenommene und dennoch unglaublich pointierte Inszenierung dieser 15 Stücke weiß immer wieder zu überraschen. Das ist keine Musik, die einfach durchrauscht, das sind Songs für die eigene kleine Ewigkeit. Sehnsucht, Verzweiflung und immer wieder als Motiv das unendliche Meer. Wie passend. „Face underwater“ heißt es dann auch gleich zu Anfang. Robin tom Rink zieht den Hörer rein in die Nacht am Ufer, aber stellt ihm einen Stuhl dazu. So schaut man ins Schwarz, Gitarren und Meer rauschen – und dahinten war das nicht doch ein Licht - oder wieder bloß ein Irrtum? Eigentlich egal, denn diesen Künstler an diesen von ihm geschaffenen Ort hier begleiten zu dürfen, ist ja schon wie eine Heizung von innen. Wer braucht da noch Funken?

Text_ Linus Volkmann